100 Kilometer Hitze-Tour

Was mache ich wenn das Wetter perfekt und der Tag unverplant ist? Richtig! Eine ausgiebige Radtour. Momentan sind eigentlich alle meine Touren nach Feierabend oder am Wochenende reine Zufalls-Touren. Die Route ist meistens überhaupt nicht geplant. Genauso wie ich es liebe: beim Losfahren spontan entscheide, ob ich heute links oder rechts herum fahre.

Faktoren für meine Radtouren

Bei alles Spontaneität gibt es natürlich einige Bedingungen, die meine Routenführung beeinflussen. Wenn der Wind zu stark weht wird die Route möglichst so geplant, dass ich auf der zweiten Hälfte überwiegend Rückenwind habe. Meist klappt das aber nicht. Erst kämpfe ich gegen heftige Böen an und freue mich auf den zweiten Teil der Tour, nur um dann festzustellen, dass mit fortgeschrittener Stunde der Wind ordentlich abflaut. Tja nun.

An wechselhaften Tagen schaue ich auch schon mal vor Beginn der Tour auf das Regenradar. Meist komme ich aber inzwischen zu dem Schluss: “Wenn’s aktuell nicht regnet und der Regen erst in einer Stunde hier ist, lohnt sich die Fahrt.” Aber wenn da natürlich eine große Unwetterfront im Anmarsch ist, wird keine 100km-Tour geplant.

Nicht unerheblich für die Länge der Strecke ist natürlich auch meine Tagesform. Mit ein wenig Stolz in der Stimme kann ich verkünden, dass ich inzwischen so vernünftig bin, mich auch an Tagen mit mäßiger Tagesform nicht zu verausgaben. Und mit fast ebenso viel Stolz bemerke ich, dass sich mit der steigenden Kondition auch die durchschnittliche Länge meiner Touren weit nach oben geschraubt hat. Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine Hausroute vor 10 Jahren ungefähr 30-40 Kilometer waren. Heute fahre ich spontan nach Feierabend oftmals mehr als 60 Kilometer, ohne mich danach komplett platt zu fühlen.

“Wo soll’s denn hingehen?”

Mein Wohnort hat für mich als Radfahrer eigentlich die perfekte Lage. Zum einen fernab von städtischem Straßenverkehr. Zum anderen liegt unser Dorf auch topographisch optimal: nördlich nach Hannover hin bietet sich eine riesige Region ohne Berge. Ideal für “Flachland-Radler”. Nach Süden hin sieht es schon ein wenig anders aus. Die Hügel des Hildesheimer Waldes werden abgelöst durch die “7 Berge” von Alfeld. Wenn es dann noch weiter nach Südosten geht, landet man schon im sehr hügeligen Harzvorland. Wer also Höhenmeter sammeln will, muss von uns aus auch nicht zu weite Anfahrten in Kauf nehmen.

Am Tag meiner Tour war mir ein wenig nach etwas Neuem. Möglichst mit ein paar Höhenmetern. Und so beschloss ich, mich in Richtung Alfeld zu bewegen. Von dort aus wollte ich dann einfach mal schauen, wie es weiter geht. Im großen Bogen weiter nach Bad Salzdetfurth und über Hildesheim wieder zurück nach Hause. Während ich bisher meinen Schwerpunkt auf das Radeln im flachen Land gelegt habe, blieb Alfeld und Umgebung von mir stiefmütterlich behandelt. Das wollte ich mal ändern. Schließlich bietet sich nicht mehr in vielen Regionen im Umkreis die Möglichkeit Neues zu entdecken.

Der Weg bis Alfeld – oder Kamera-Chaos

Ich könnte es kurz machen uns sagen: “Keine besonderen Vorkommnisse”, denn viel passiert ist auf dem Weg nicht. Wäre da nicht meine Verwirrung um meine 360-Grad-Kamera gewesen. Ich bin mir 100%ig sicher, dass ich mit der Kamera auf dem Weg schon ein paar Aufnahmen gemacht hatte. Als ich dann bei Elze wieder etwas damit filmen wollte, sagte mir das Display “Keine SD-Karte”. Ich war verwundert. Hatte ich nicht vorhin noch was gefilmt? Und ist die Kamera nicht wasserdicht und kann sogar physisch richtig verriegelt werden? Wie soll denn da bitte die SD-Karte heraus fallen? Also wurde die Kamera geöffnet und festgestellt, dass da tatsächlich keine SD-Karte drin ist. Über einen internen Speicher verfügt die Kamera jedoch nicht. Irgendwas war da faul. Ich war auch der Meinung im Gehäuse, irgendwo hinter der Halterung für den Akku etwas Rotes zu sehen. Ohne Brille konnte ich es aber nicht genau erkennen. Wieder zuhause stellte sich nicht nur heraus, dass das Rote in der Kamera ein rotes Kabel und keine SD-Karte war. Noch besser: die fehlende SD-Karte fand ich dann noch angesteckt am Rechner. Also hatte ich mir das Filmen wohl nur eingebildet. Ich schiebe es mal auf die pralle Sonne und die vorherrschenden Temperaturen. 😉

Erwähnens- und sehenswert war noch mein kleiner Zwischenstopp in Banteln. Am nördlichen Ortseingang gibt es nämlich ein Gehöft, auf dessen Freifläche ein ganzes Rudel Rotwild gehalten wird. Normalerweise halten sich die scheuen Tiere fernab von der Straße auf. An diesem Morgen hatte ich jedoch Glück und konnte eine große Gruppe beim Frühstück direkt am Zaun bewundern.

Hirsch und Rehe beim Frühstück in Banteln

Fahrt ins Ungewisse

In Alfeld angekommen, muss ich auch gleich an eine kleine Anekdote aus früheren Jahren denken. Seinerzeit war ich dort mit dem Pedelec unterwegs und habe mich heillos verfahren. Beim Navigieren hatte ich einen Fehler gemacht und so wurde ich immer weiter weg von der Heimat geführt. Als mir das dann aufgefallen war, musste ich befürchten, dass der Akku das ewige Auf und Ab mit zu viel Reichweitenverlust bezahlen müsse. Damals bin ich gerade so nach Hause gekommen, vor allem weil ich auf den ebenen Abschnitten dann ohne Motor in die Pedale getreten habe.

Diesmal war ich zumindest nicht mit dem Pedelec unterwegs – Akkuprobleme sollte es also nicht geben. Den für mich ungewohnten hügeligen Anstiegen bin ich aber schon mit einigem Respekt entgegengetreten. Wenn man so gar nicht weiß, wie viele und wie starke Anstiege einen erwarten, ist man auch angesichts der Temperaturen von 30°C schon etwas eingeschüchtert. Aber: hilft ja nix. Ich hatte mir das ja selbst so ausgesucht.

“Where No Man has gone before…”

Zugegeben: das Zitat trifft es nicht wirklich. Denn ich konnte mich davon überzeugen, dass in den etwas vom Schuss liegenden Tälern des Ambergaus schon ziemlich viele Menschen ihr Eigenheim gebaut hatten. Aber machen wir aus “No Man” eben ein “Zumindest ich nicht”, dann stimmt es wieder. Anfangs habe ich mich dann erst mal versucht irgendwie durchzuhangeln. Ein kurzer Blick auf die Karte nannte mir Freden, Lamspringe und Bad Salzdetfurth als die größeren Orte auf meiner geplanten Route. Ich orientierte mich also an den ausgeschilderten Radwegen und durfte mal wieder darüber staunen, was hierzulande als “offizieller Radweg” ausgeschildert ist:

Gute Radwege sehen in einer perfekten Welt ein wenig anders aus

Aber wie es mir beim Routing mit Schildern so oft geht: irgendwo verpasst man dann mal ein Schild und fährt arglos in eine falsche Richtung. So anscheinend auch auf dieser Tour. Zwischenzeitlich hatte ich mich darauf eingerichtet eine 100km-Tour zu machen. Dass daraus aber eine 150km-Tour werden könnte, wenn ich nicht mal endlich auf die Karte gucken würde, wollte ich dann aber doch nicht. Gut so, denn offensichtlich wäre ich sonst noch weiter nach Süden und damit weiter weg von zuhause gefahren.

Wie gut, dass ich da das Navi eingeschaltet habe. Wäre sonst weiter nach Süden gefahren…

Und so kam endlich mal wieder die Navi-Funktion meines Radcomputers zum Einsatz. Eigentlich hatte ich mich vorrangig wegen dieser Funktion für das Wahoo Roam entschieden, weil es im Routing weit besser abschnitt als die Konkurrenz. Dass ich es dann aber fast nie benötigen würde, weil ich immer nur auf meinen ausgetretenen Pfaden fahren würde, ist mir erst hinterher aufgegangen. 

Neue Horizonte

Aber endlich hatte ich mal wieder ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr so intensiv hatte: neue Wege entdecken. Und nicht nur neue Wege, sondern eine neue Region. Natürlich fahre ich auch in meinem gewöhnlichen Radel-Gebiet ab und an noch mal ein kurzes Teilstück, das ich noch nie gefahren bin. Schnell bin ich dann aber wieder auf Strecken, die ich schon in- und auswendig kenne. Aber hier zwischen Alfeld und Lamspringe war das dann schon ein ganz anderer Schnack: hier war wirklich alles Neuland. Hier kam ich mit meinen normalen Gedankengängen wie etwa “Fahre ich heute die Abkürzung oder die landschaftlich schönere Strecke?” nicht weiter, denn hier war alles neu. Und vor mir lagen “die Berge”…

Wer sein Fahrrad liebt…

Hinter Winzenburg wurde ich auf eine Gravelstrecke bergauf geschickt. Eine stete Steigung von 7-10%, gepaart mit der Mittagshitze haben schnell dazu geführt, dass ich einen Teil der Strecken absteigen und schieben musste.

Sich nicht zu fein dafür zu sein, auch mal abzusteigen und zu schieben

Auch diesmal wusste ich, dass ich nicht auf Biegen und Brechen versuchen sollte, durchzuhalten. Wenn ich “am Berg” eben nicht so gewohnt bin, soll man es auch nicht gleich zu Beginn seiner Bergziegen-Karriere übertreiben. Ich war schon ziemlich froh als ich dann für meine Mühen auf der Bergkuppe mit einer schönen Bank und einen herrlichen Ausblick belohnt wurde. Perfekter Zeitpunkt für eine kleine Rast mit Müsliriegel und einen großen Schluck Wasser aus der Trinkblase.

Ein Ausblick, der für die Qualen entschädigt

Der Schotter auf der Abfahrt war leider viel zu grob, als dass man sie wirklich hätte genießen können. Aber kurze Zeit später war ich auf einer wenig befahrenen Landstraße, die auch ein schönes Panorama bot.

Von hier an ging’s bergab 🙂

Zurück aus Terra Incognita

Wenig später war ich zurück auf bekanntem Terrain: Bad Salzdetfurth. Allzu oft war ich auch hier noch nicht unterwegs, aber immerhin kannte ich die weitere Strecke nun wieder rudimentär und wusste vor allem, was mich höhentechnisch erwartet: alles machbar. In Groß Düngen habe ich dann zu allerersten Mal einen Halt an einer Tankstelle gemacht. Zwar war in meiner Trinkblase zu dem Zeitpunkt sicherlich noch 1,5 Liter Wasser drin – aber eben lauwarm. Nach inzwischen fünf Stunden auf Tour hatte ich mir aber doch auch mal was Kaltes verdient, oder?

In meinem liebsten Fahrrad-Podcast “Enjoy Your Bike” haben Ingo und Dan – beide seit Jahrzehnten im Radsport unterwegs – erst vor kurzem darüber philosophiert, dass “‘ne Cola und ‘n Snickers” der optimale Snack sind, um schnell wieder Energiereserven aufzubauen. Das im Sinn hatte ich mich auch für die normale Cola entschieden. Das Snickers habe ich leider vor lauter Hitze vergessen, mir dafür aber noch einen kalten Kaffee aus der Dose gegönnt. Sonst ja so gar nicht meins. 

„Zucker, der Junge braucht Zucker!“

Und was soll ich sagen? Zucker ist eben immer noch Zucker. Will heißen: schon nach kürzester Zeit waren die Lebensgeister wieder geweckt (im Video sieht man das glaube ich auch ziemlich gut…). Mit neuem Elan habe ich ohne Probleme noch ein paar Höhenmeter gemacht, bevor ich dann Hildesheim auf meiner Lieblingsroute durchquert habe.

Eigentlich hätte ich hier schon in Richtung Zuhause abbiegen können. Das bisherige Ergebnis der Tour war schon allerehrenwert. Aber: es waren eben noch keine 100 Kilometer. In den vergangenen Monaten habe ich den “Gran Fondo”, eine 100-Kilometer-am-Stück-Herausforderung, in meiner App Strava regelmäßig absolviert. Und ich dachte mir: “Wer weiß wie das Wetter die nächsten tage wird? Außerdem steht Besuch von den Schwiegereltern und unsere Hochzeit an… Wer weiß ob Du im August noch mal dazu kommst eine 100km-Tour zu machen.” Und so habe ich die Tour doch noch ein wenig ausgeweitet…

Eigene Grenzen überwinden

Ich freue mich momentan riesig, dass ich aktuell eine bessere Kondition habe als je zuvor. Wie schon erwähnt werden nicht nur meine Touren immer länger, auch meine Durchschnittsgeschwindigkeit hat sich ordentlich gesteigert, obwohl ich nicht abgekämpfter bin als sonst. Und ich fahre inzwischen recht regelmäßig mit dem Rad die 32 Kilometer zur Arbeit. Es ist ein tolles Gefühl zu sehen, wie sich die Grenzen immer mehr verschieben. Wie ich mein Limit immer weiter nach oben stecken kann. Und so auch mit dieser Tour: sich einfach mal den heftigen Anstiegen stellen und sich durchkämpfen. Ich hätte auch zögern können und hätte den flachen Weg, den ich gekommen bin, einfach wieder zurück fahren können. Nein, ich habe mich den Berg hoch gekämpft; musste zwar mal absteigen, aber habe nicht aufgegeben. Und das bei der Hitze.

Auf den letzten Kilometern ist mir dann durch den Kopf gegangen, wie glücklich ich mich momentan schätzen kann, nach langer Krankheit und 9 Operationen in 2 Jahren, wieder so fest im Sattel zu sitzen. Vermutlich hatte ich nach der ganzen Sonne eine richtige Matschbirne, vielleicht war ich auch nur so emotional, weil mir so viele Dinge durch den Kopf gegangen sind. Und vielleicht war ich einfach nur glücklich, dass mein Körper, der mich in letzter Zeit so oft im Stich gelassen hat, jetzt wieder arbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk. Da kam vermutlich vieles zusammen, das dann in einem sehr persönlichen Moment gipfelte, bei dem ich lange überlegt habe, ob ich ihn im Video drin lasse. 

#FUCKCANCER

In diesem Sinne: Fick dich, Krebs!

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