Mit dem Rad zur Arbeit

Manchmal gibt es so Dinge, da fragt man sich: warum bin ich eigentlich nicht schon viel früher auf die Idee gekommen? “Mit dem Rad zur Arbeit” ist bei mir genau so eine Idee, die mir bisher nie gekommen ist. Dabei ruft mein Arbeitgeber doch immer eben selbige Aktion, Jahr für Jahr aufs neue, aus.

Zur Vorgeschichte:

Seit gut zehn Jahren wohne ich nun auf’m Dorf, arbeite aber fast ebenso lange schon in Hannover. Anfangs war mein Büro so ungünstig gelegen, dass ich mit dem eigenen Auto wesentlich besser dort hin kam als mit den Öffis. Inzwischen ist mein Arbeitsplatz umgezogen und ich arbeite keine zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof Hannover entfernt. Da war der Zug als Alternative natürlich schnell im Gespräch: keine 20 Minuten Fahrt und schon bin ich mitten in der City. Prima! Monatskarte ist gebucht!

Was mich schon damals überrascht hat: wie viel besser man sich fühlt wenn man sich nicht nur vom Haus ins Auto und letztlich ins Büro murmelt, sondern täglich zwei Kilometer mit dem Rad zum Bahnhof fahren muss. Die kühle, klare Morgenluft belebt zusammen mit der moderaten Bewegung den Körper weit mehr als zwei große Tassen Kaffee. Und auf einmal ist man wacher und konzentrierter im Büro als zu Autofahrer-Zeiten.

Viva la 9-Euro-Ticket!

Passend zu meinem Wiedereinstieg in den Job haut die Bahn das 9-Euro-Ticket raus. Anstatt knapp 120,- € für die normale Monatskarte ist das eine echt tolle Alternative. Einziges Problem (okay, eigentlich zwei…): die Züge sind so voll, weil das Ticket so gut ankommt. Das zweite Problem ist die Tatsache, dass unsere Bahnlinie aktuell wegen Bauarbeiten noch seltener bedient wird als sonst. Ergo: die Züge sind ziemlich voll.

Wie kann man der Corona-Infektion in einem pickepackevollen Personenwaggon also aus dem Weg gehen?

Mit dem Rad zur Arbeit

In der letzten Woche kam mir die naheliegende Lösung: warum nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren? Es sind zwar pro Strecke knapp über 30 Kilometer, aber dank Pedelec komme ich nicht so richtig “in Schweiß”. Leider habe ich im Büro nicht die Möglichkeit zu duschen, sonst würde ich mit dem Gravel-Bike anreisen. Aber auch so macht das viel Spaß. In meiner Radtasche habe ich Wechselklamotten für’s Büro (und für den Fall der Fälle ein Deo). 

Vorteil 1: Die Strecke

Nun habe ich ja das große Glück auf dem Dorf zu wohnen und zwischen Zuhause und Arbeitsplatz so ziemlich alle Wege inzwischen zu kennen. Entsprechend konnte ich mir eine schöne Route stricken, auf der ich nur ganz selten mal mit Autos in Kontakt komme, meist sausen sie selbst dann nur an mir vorbei während ich auf meinem separaten Radstreifen fahre. Heißt: die Strecke ist nicht nur ungefährlich bezüglich Autoverkehr sondern – noch viel wichtiger – bildschön! Auf Landwirtschaftswegen fahre ich vorbei an einer Vielzahl von Teichen, goldenen Feldern, an einem Storchennest und ich überquere auch die ruhig vor sich hin fließende Leine. 

Vorteil 1a: Der Streckenabschnitt in Hannover

Ich schiebe mein Lob einfach mal Hannovers grünem Bürgermeister Belit Onay zu: in Hannover hat sich für Radfahrer in den letzten Jahren richtig was getan. Das Velo-Routen-Netz nimmt immer mehr Gestalt an und auf vielen Straßen musste eine Autospur einem schön breit und knallig rot markierten Radschutzstreifen weichen. Ich habe das große Glück von Süden nach Hannover rein zu fahren. Zuerst stoße ich auf den Maschsee, an dessen Westufer es sich herrlich abgeschieden fahren lässt. Anschließend fahre ich auf einem neu asphaltierten Rad-und-Fußweg entlang der Ihme. Auch hier bin ich umgeben von herrlicher Natur und klarer, frischer Luft. Einzig die letzten knapp 2 Kilometer muss ich dann im Stadtverkehr bewältigen.

Vorteil 2: Die Flexibilität

Eigentlich bin ich immer gerne ganz früh im Büro. Die Anreise mit dem Rad dauert dann aber doch gut 1:20 Stunden. Dafür kann ich losfahren und Feierabend machen, wann immer ich will. Ich bin nicht darauf angewiesen, diesen einen Zug zu bekommen, der einmal in der Stunde unseren kleinen Dorf-Bahnhof bedient. Und abgesehen von den flexiblen Arbeitszeiten genieße ich es momentan auch sehr, nach Feierabend meine Rück-Route nach Lust und Laune zu gestalten. Es sagt ja keiner, dass ich auf dem direkten Weg nach Hause muss. Wenn der Akku doch über 100 Kilometer her gibt…;-)

Vorteil 3: Die Bewegung

Auch wenn Pedelec-Kilometer ja nicht ganz meinen sportlichen Ansprüchen genügen, freue ich mich doch, dass ich so an jedem Arbeitstag über 60 Kilometer auf dem Tacho habe. Wenn ich auf der Heimfahrt nicht noch ein paar Extralocken drehe. Entsprechend kann ich mein Kilometer-Ziel bei Strava ein wenig nach oben korrigieren. Und es ist schon ein gutes Gefühl zu wissen, dass man schon vor der Arbeit bald 1,5 Stunden Bewegung intus hat – auch wenn es “nur” moderates Treten in der Fettverbrennungszone ist. Jede Bewegung ist gute Bewegung. Das Irre ist: ich habe mich so schnell an das Radfahren vor der Arbeit gewöhnt, dass ich mir nun für meine Home-Office-Tage auch vorgenommen habe, vorab ein Ründchen zu drehen.

Aber wo Licht ist, ist natürlich auch Schatten…

Nachteil 1: Pleiten, Pech und Pannen

An zwei Tagen hat mich nun schon der Motor meines Pedelecs verlassen. Zum Glück setzte der Motor immer erst auf der Rücktour aus, so dass ich nicht total abgeplackt im Büro ankam, sondern immer erst zuhause. Inzwischen bin ich dem Fehler aber auf der Spur und denke, dass ich ihn zukünftig selbst wieder hin bekomme. Vor Pannen ist man aber nie sicher. Das behalte ich mal im Hinterkopf. Der Gedanke an ein “Hey, Kollegen, ich komme heute später, mein Reifen ist platt” schwingt zumindest auf der Hinfahrt immer mit.

Nachteil 2: Wetter

Bisher hatte ich Glück. Abgesehen von ein paar kleinen Tropfen auf einer Fahrt nach Hause bin ich immer bei bestem Wetter unterwegs. Das wird aber sicher nicht immer so sein, entsprechend sollte ich mir bei angesagtem Regen auch noch eine Regenjacke einpacken. Aber wer weiß: selbst was den Winter angeht, hat sich mein Fahrverhalten in den letzten Jahren etwas geändert. Haben niedrige Temperaturen früher immer für eine gute Ausrede her gehalten, mal nicht mit dem Rad zu fahren, bin ich inzwischen auch bis zu leichten Minustemperaturen unterwegs. Zumindest wenn ich Eis und Schnee auf Radwegen ausschließen kann.

Fazit:

Ich mache das jetzt erst mal eine Weile weiter. Mal sehen ob mir Regenwetter irgendwann die Lust daran verhagelt. Dann kann ich ja immer noch auf die Alternative Zug umsteigen.

Wie haltet Ihr es denn so “Mit dem Rad zur Arbeit”? Macht Ihr das? Welche Strecke legt Ihr dabei zurück? Schreibt es mir gerne in die Kommentare.

2 Gedanken zu “Mit dem Rad zur Arbeit

  1. Das sieht mir wirklich nach einer sehr schönen Strecke aus. Danke fürs Mitnehmen! 🙂

    Ich bin ja eher Läufer, doch 2019 konnte ich aufgrund einer Verletzung nicht laufen. Also bin ich über den Sommer insgesamt 36 mal ins Büro geradelt. So als Alternativsport. Bei mir sind es einfach auch 30 km und ich habe keine elektronische Unterstützung, sprich es war durchaus Sport und ohne Dusche im Büro hätte ich das auch nicht machen können. Hier habe ich mein „Abenteuer Arbeitsweg“ dokumentiert: https://moviescape.blog/?s=Abenteuer+arbeitsweg

    Inzwischen bin ich nur noch 1-3x pro Woche im Büro und dann meistens auch länger, wenn ich schon die Kolleg*innen mal wieder sehe. Der Rest ist ja Home Office, sprich ich fahre dann lieber Auto (da brauche ich nur 20 Minuten) und gehe morgens kurz laufen. Öffis sind leider bei uns am fränkischen Land auch nicht realistisch, da ich für die einfache Strecke mal eben 1:40 Stunde brauchen würde. Tja.

    Leider ist die Fahrradverbindung auch nicht optimal, da kaum Radwege ausgebaut sind, sprich ich fahre bestimmt 12 km direkt auf einer Landstraße und das ist teils lebensgefährlich. Sollte der Ausbau einmal besser werden, komme ich vielleicht auf das Arbeitsradeln zurück.

  2. Habe gerade bei Dir noch mal reingelesen. Du Glücklicher, der Du die Möglichkeit zu duschen hast. Die habe ich leider nicht, deswegen wird es wohl beim E-Antrieb bleiben, auch wenn die Strecke auch ohne Motor eigentlich „ein Klacks“ wäre. Ich war ja auch schon mal „im Fränkischen“ unterwegs und hatte auch das Gefühl, dass es weniger Radwege als bei uns gibt und man häufiger auf der Landstraße mitfahren muss. In der Ecke, in der ich geradelt bin, war das nicht so das große Problem, weil es alles ziemlich weitab vom Schuss war. Aber wenn sich da auch noch der Berufsverkehr stetig an einem vorbeiquält und es keine schönen Ausweichrouten durch die gut fahrbare Natur gibt, wird’s schon schwierig. Das sehe ich ein.

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